Ambivalente Held*innen: Nicht nur ein Film, sondern eine wirkliche Lebens- und Familiengeschichte. „Lucica und ihre Kinder“ sorgte an zwei Veranstaltungstagen für einen regen Meinungs- und Erfahrungsaustausch

Ambivalente Held*innen: Nicht nur ein Film, sondern eine wirkliche Lebens- und Familiengeschichte. „Lucica und ihre Kinder“ sorgte an zwei Veranstaltungstagen für einen regen Meinungs- und Erfahrungsaustausch

Am 23. und 25.08.2021 verfolgten 64 Teilnehmer*innen digital über Zoom gespannt den Grimme-Preis nominierten Dokumentarfilm von Bettina Braun. Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung der Regisseurin bildete der 90-minütige Film, der realitätsnahe Einblicke in die Lebenswelt einer zugewanderten Familie aus Rumänien mitten in der Dortmunder Nordstadt porträtiert, die Grundlage für das anschließende Regiegespräch.

Das „berührende“, „grandiose“ und „unter die Haut gehende“ Werk, von Identität und Zugehörigkeit geprägt, zeigt über einen Zeitraum von anderthalb Jahren, wie eine Familie trotz aller Widrigkeiten füreinander einsteht. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Lucica und ihren Kindern zeigt sich in der bedingungslosen und gegenseitigen Unterstützung. Darüber hinaus wird das teilweise ambivalente Verhältnis der Filmemacherin zur Familie dargestellt. „Auf der einen Seite geprägt durch sehr viel Zuneigung, auch Hochachtung vor dem Geleisteten. Auf der anderen Seite aber gekennzeichnet von Ermüdung und Frust. Es gab immer wieder Momente, wo die eigene Wertewelt sich von der Wertewelt der Familie abgrenzte und umgekehrt“. Beispielsweise beim Thema Schule. „Lucica ist es wichtig, dass alle Kinder zur Schule gehen. Wenn sie selber überfordert war oder die Hilfe der Kinder im Alltag gebraucht wurde, kam es aber auch vor, dass sie die Kinder Zuhause behalten hat.“ Nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass ihr Mann durch immer wiederkehrende Haftstrafen die Vaterrolle vernachlässigt und keinerlei finanzielle Unterstützung oder Hilfe bei der Erziehung der Kinder beisteuert.

Das jeweils an beiden Veranstaltungstagen knapp einstündige Regiegespräch ermöglichte weitere facettenreiche Einblicke aus den verschiedenen fachlichen Blickwinkeln. Festzuhalten bleibt: Es gibt nicht die eine Interpretation!

Bettina Braun schaffte es immer wieder, neben tiefen intimen Einblicken ins Familienleben, punktiert mit treffenden Beispielen ihre Erfahrungen bildlich zu veranschaulichen. Ein Schlüsselmoment zeigte sich während einer Vorführung des Films „Nordstadtkinder-Stefan“ im schulischen Zusammenhang einer Förderschulklasse: „Die Kinder kennen es nicht, dass ihre reale Lebenswelt auf der Leinwand zu sehen ist und dass jemand wie Lucicas zweitältester Sohn Stefan, der ähnlich lebt wie sie, zum Helden wird. Das ist mir bei aller Ambivalenz wichtig und hoffentlich gelungen, dass Lucica und ihre Kinder zu Held*innen werden.“

Die Regisseurin machte abschließend deutlich: „Mir geht es nicht darum, zu belehren. Der Film soll zum Nachdenken anregen, keine einfachen Antworten geben! Gerade im Kontext von Migration oder bei gesellschaftlichen Herausforderungen. Hierbei möchte ich einen tiefen Einblick geben, aber keine monothematische Perspektive!“

Der Impuls des KI-Recklinghausen, aufgegriffen von Miriam Weilbrenner (MKFFI) Sabine Leipski (IKEEP) und dem Bundestransfer-Team (ZfTI), diesen wichtigen Diskurs fortzusetzen, wurde von allen Teilnehmenden innerhalb der Diskussion intensiv aufgegriffen. „Ich bin Frau Braun dankbar, dass Sie der Familie eine Stimme gibt! Diese Geschichten zu erzählen, aber auch diesen Geschichten zuzuhören oder gar auszuhalten, ist unsere Pflicht, solange wir Kindern und ihren Familien solche Lebensumstände in Deutschland zumuten.“

Zusammen wurde innerhalb des Plenums der Blickwinkel erweitert, weg von einer defizitären Sichtweise, auch innerhalb des Dialogs. „Wir brauchen mehr Kinderbücher, mehr Schulbücher, mehr Filme, um alle diese Geschichten zu erzählen. Familien wie die von Lucica sind kein Randthema, sondern mitten unter uns.“ Die positive Resonanz beider Veranstaltungstage zeigt, dass zukünftige Formate innerhalb der Arbeit mit den Programmen Griffbereit und Rucksack KiTa einen festen Bestandteil haben sollten. Die vielen unterschiedlichen lebens- und beruflichen Perspektiven aller Teilnehmenden haben innerhalb des Regiegesprächs dazu beigetragen, dass die Veranstaltungsreihe ein voller Erfolg war und eine Fortsetzung denkbar ist.

Informationen zum Film:
http://lucica.bettina-braun.de/
Beispiel einer Inklusionsgrundschule in Dortmund: Libellen-Grundschule
http://www.libellengrundschule.de/

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