Empowerment

Empowerment

Was ist Empowerment?

Mit Empowerment (das in vielen Sprachen, mangels einer angemessenen Übersetzung als englisches Wort genutzt wird) bezeichnet mensch[1] „…Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften erhöhen sollen und es ihnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihr ((Erleben von)) Macht- und Einflusslosigkeit (powerlessness) zu überwinden und ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen.“[2] [3]

Es ist interessant sich die Ursprünge des Begriffs anzuschauen, denn sie reichen zurück bis ins 17. Jahrhundert zu William Penn, der Quäker war und in seiner Schrift „Theologie des individuellen Empowerment“ den Begriff prägte. Die Quäker gehen davon aus, dass ein Teil von Gott in jedem Menschen lebendig ist. Dies wird mit dem Begriff „inner spirit“ (inneres Licht) bezeichnet. Hierdurch besitzt jeder Mensch eine unveräußerbare Würde, besitzt die Freiheit des Gewissens und ist als Mensch, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Hautton freier Teil einer freien Gesellschaft.

Empowerment wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erneut bedeutsam in 3 Bewegungen, die in den USA verortet sind:

die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen US-Amerikaner in den 1950er Jahren

die US-Amerikanischen Frauenbewegung in den 1960er Jahren und

die Gründung der Independent-Living-Bewegung behinderter Menschen ebenfalls in den 1960er Jahren.

Von hier aus wurde das Empowermentkonzept auf weitere Bereiche der Gesellschaft ausgeweitet. Es fand besonders Anwendung bei den Teilen der Gesellschaft, die bevormundet, unterdrückt und diskriminiert wurden und werden). Die Folgen dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzungen waren persönliche Emanzipationsprozesse auf der einen Seite und politische Neuerungen (oft in Form von Gesetzen oder Organisationsänderungen) auf der anderen Seite. Empowerment-Prozesse haben also stets eine persönlich-politische Doppel-Wirkung.

In den 1980er Jahren prägte der  Sozialwissenschaftler Julian Rappaport  die Übernahme eines Empowerment Konzepts für die Sozialarbeit. Er plädierte für ein Modell des „Empowerment“, das davon ausgeht, dass viele Fähigkeiten bei den Menschen bereits vorhanden sind und dass die angeblichen Defizite Ergebnis sozialer Strukturen und mangelnder Ressourcen sind. [4]

Wenn hier über das Konzept des Empowerment für Familien gesprochen wird, ist also immer die individuelle Unterstützung von Familien gedacht, die sich mit ihren Anliegen an die Programme wenden, als auch das Bewusstsein, dass manche Familien zudem Barrieren erleben, die mit bestimmten Merkmalen zusammenhängen, durch die Familien Diskriminierung und Ausschluss vom Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen erleben.

 

Worüber reden wir wenn wir über Eltern und Familien sprechen?

In der aktuellen Diskussion gehen die Fachpersonen zunehmend von einem erweiterten Eltern- und Familienbegriff aus. Elternpersonen im 21 Jahrhundert sind nicht mehr „nur“ Mütter und Väter in der 2 Personen, 2 Geschlechter Kombination. Die erwachsenen Bezugspersonen von Kindern im Kontext Familie sind all diejenigen Personen, die sich um die jungen Menschen, die Teil der Familie sind in Zugewandtheit und Fürsorge kümmern und zwar in allen lebensnotwendigen, sozialen, emotionalen, kognitiven und materiellen Belangen (so gut sie es eben können). Manchmal ist dies eine Person, manchmal zwei und manchmal drei und mehr Personen. Dies können die Personen sein, die die Geburtseltern sind, es können die sozialen Eltern sein, die Adoptiveltern, Pflegeeltern, es können erwachsene oder jugendliche Familienmitglieder sein und es können Menschen sein, die die Kinder selber gewählt haben, die aber nicht mit ihnen biologisch verwandt sind und weitere hier nicht erwähnte, weil von der Autorin nicht wahrgenommene Konstellationen.

 

Worum geht es wenn wir über Empowerment für Familien sprechen?

Mit Kindern aufzuwachsen, ist für die erwachsenen Bezugspersonen nicht einfach, denn gerade bei dem ersten Kind erleben sie vieles zum ersten Mal. Der Bedarf an Unterstützung, vor allem wenn unterstützende Netzwerke fehlen, kann groß sein und die Verunsicherung und in manchen Momenten erlebte Überforderung enorm. Mensch lernt selten, was es bedeutet diese Verantwortung für das Wohlergehen und Überleben eines jungen Menschen zu übernehmen, denn kaum jemand wächst noch in Familienverbänden auf, in denen mehrere Generationen das Zusammenleben gestalten und einander unterstützen. Dies ist gepaart mit dem  (auch gesellschaftlichen)  Druck, „gute Eltern“ zu sein und einer Vielzahl an oft widersprüchlichen Erziehungsratschlägen.

So kommen im  Aufwachsen mit Kindern, Themen auf, bei denen sich die erwachsenen Bezugspersonen Unterstützung wünschen: z.B. konkrete Fragen in Bezug zu Schlafen oder Ernährung; die Schaffung von sprach- und lernanregenden Umgebungen, die  Stärkung der Bindung und Beziehung zum Kind/Kindern, die Entwicklung einer gleichwürdigen Beziehung zu Kindern oder der Sorge ob sie „gut genug“ sind. Die Unterstützung kann fachlich sein aber auch und das ist oft genauso wichtig der  Erfahrungsaustausch untereinander, der als stärkend und ermutigend erlebt wird

Neben dem aufregenden und manchmal anstrengenden Abenteuer mit Kindern zu wachsen, entsteht schon vor der Geburt des ersten Kindes Unterstützungsbedarf im Wissen über und Zurechtfinden mit allen notwendigen Formalitäten, Anträgen (falls die Familien z.B. finanzielle oder materielle Unterstützung brauchen) und anderen Vorgaben damit z.B. wichtige Fristen eingehalten werden können. Später kommen die kompetente Suche eines Kitaplatzes (später Schule) und auch hier das Wissen um Formulare, die auszufüllen sind und welche Unterstützungsangebote zur Verfügung stehen, welche Rechte  (und natürlich auch Pflichten) Familien haben. All dies ist voraussetzungsvoll und erfordert Ressourcen, die nicht allen Familien zur Verfügung stehen. Und auch hier spielt Peer-Beratung und -Austausch und  (die Entwicklung von) tragfähige(n) soziale (n) Netzwerke(n) in Empowerment Prozessen eine wichtige Rolle.

Ein weiterer wichtiger Bedarf an Unterstützungsräumen ergibt sich, wenn wir uns noch einmal die Definition von Empowerment schauen: dort steht, dass Empowerment oder Empowerment-Prozesse immer eine persönlich und eine politische Dimension enthalten. Hier lohnt es sich genauer hinzuschauen und zu erkunden wo sich diese beiden Dimensionen noch finden lassen.

Die dazugehörigen Erkundungsfragen könnten sein:

Welchen Stellenwert haben Familien in dieser Gesellschaft? Welchen Stellenwert haben Kinder? Welche Funktion haben Familien? Wie wird auf einer gesellschaftlichen Ebene für Familien und deren Wohlergehen gesorgt? Z.B. in Bezug auf Unterstützungssysteme (sowohl materiell als immateriell), Anerkennung, Achtung und Akzeptanz in allen Lebensbereichen?

 

Sind alle Familien gleich?
Empowerment Räume für Familien, die Diskriminierung erleben

Die nächste Frage die zu erkunden wäre, wäre ob dies für alle Familien gilt, die in der Bundesrepublik ihren Lebensmittelpunkt haben? Oder gilt es nur für bestimmte Familien? Für welche? Welche Merkmale haben sie? Gibt es Familien denen mehr Akzeptanz, Achtung und Teilhabe zugestanden wird? Entlang welcher Kriterien? Welche Fragen fehlen hier?

Die Antworten, die auf diese Fragen gefunden werden, weisen in Richtung der politischen und auch weiterer persönlicher Dimensionen, für die Empowerment für Familien wichtig werden: denn Diskriminierung und Ausgrenzung, z.B. aufgrund von dem Hautton der Familienmitglieder (Rassismus Erfahrungen), der (zugeschriebenen[5]) Herkunft[6] (Rassismus Erfahrungen), der sozialen Schicht (Klassismus), der (zugeschriebenen) Religion (anti-muslimischer Rassismus), körperlichen oder psychischen Merkmale (Abelism), dem Alter (Adultism/Aegism), der sexuellen Orientierung, dem (zugeschriebenen oder nicht-akzeptierten) Geschlecht, Armut, den Bildungsabschlüssen (Knowledgism), der Körperformen/Körpermerkmale (Bodyism/Lookism) und weiterer Merkmale von Menschen, aufgrund derer sie Diskriminierung erleben, sind kein persönliches Fehlverhalten, sondern haben ihre Ursache in dem was in dieser Gesellschaft als „normal“ und „akzeptabel“ gilt.

Diskriminierung ist gesellschaftlich verankert und beschreibt unter anderem die Normen aufgrund derer Teilhabe an Gesellschaft ermöglicht wird und eben auch vorenthalten wird. Dies wirkt in den individuellen Interaktionen (besonders dann wenn ein Machtungleichgewicht zuungunsten der Diskriminierung erlebenden Person besteht) und auf institutioneller Ebene. Familien erleben Diskriminierung häufig nicht nur aufgrund eines Merkmals, daher ist es umso wichtiger in Empowerment Prozessen dafür aufmerksam zu sein, den dadurch erhöht sich der Druck, den Familien erleben erheblich[7].

Somit werden weitere Empowerment-Räume notwendig, damit Familien ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt vertreten können und diese brauchen Begleiter*innen, die

Aus all diesen Überlegungen ergibt sich die notwendige Konsequenz vielfältige Empowerment-Räume zu schaffen, in denen Familien sich austauschen, miteinander lernen und Unterstützung erleben. Manchmal unabhängig von Merkmalen, die den Alltag der Familien prägen, manchmal (wenn Familien zum Beispiel rassismus-erfahren sind) getrennt voneinander, um die notwendigen Schutz- und Stärkungspotentiale , die in Empowermentprozessen möglich sind, auszuschöpfen.

 

ZusatzText(e):

Einige Überlegungen zur Stärkung von Familien, die eingewandert sind oder denen Einwanderung zugeschrieben wird

Im nachfolgenden Abschnitt wird ein starker Fokus auf das Empowerment von Familien gelegt, die einwanderungserfahren sind oder denen Einwanderung zugeschrieben wird. Dieser Text ist sicherlich nicht vollständig in seiner Kürze und will auf wesentliche Punkte hinweisen, die in Empowerment Prozessen eine Rolle spielen können. Natürlich gilt, wie bereits beschrieben, die Notwendigkeit von Empowerment für alle Familien, und besonders von den Familien, die Diskriminierung erleben!

Denn die Merkmale, die zu Diskriminierung und dem erschwerten Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen (wie Arbeit, Bildung, Wohnung, Alltagskulturen)  führen, sind ein gesellschaftliches Konstrukt und haben die Funktion, diejenigen, die als „normal“ und „zugehörig“ definiert werden, zu stärken und aufzuwerten[8].

Familien brauchen daher Räume, in denen sie die Möglichkeit haben, diese Konstruktionen von ihnen als „Andere“[9] aufzudecken und zu demaskieren als das was sie sind. Konstruktionen einer Gruppe, um sich aufzuwerten auf Kosten derjenigen, die sie als „Andere“ markieren. Die Stereotype, Vorurteile und damit einhergehenden Handlungen aufzudecken, heißt auch sich von ihnen zu befreien und sich der Definition der eigenen Identitäten zuzuwenden, nicht in Abgrenzung zu den Bewertungen der Mehrheitsgesellschaft sondern in Zuwendung und Stärkung zu einem selber jenseits von irgendwelchen Kategorisierungen, zu den Bezugsgruppen mit denen die Familien sich identifizieren und der Definition der Qualität der eigenen Zugehörigkeit zu dem Ort, an dem die Familien ihren Lebensmittelpunkt haben.

 

Einige Anregungen für die Praxis für die Unterstützung von zugewanderten Familien

  • Familien sind vielfältig und nicht alle gleich, auch wenn sie oder ihre Vorfahren aus einer Region, einem Land eingewandert sind, eine Religion teilen oder andere Merkmale teilen, die zu Diskriminierung führen können.
  • Entdecken Sie zuerst was alle Familien gemeinsam haben, erkunden sie danach was die Familien unterscheidet, z.B. alle Familien wollen das beste für ihre Kinder, so gut sie können. Was das beste ist, hängt ab von den eigenen Erfahrungen, Visionen und Möglichkeiten.
  • Aufmerksam zu werden für eigene einseitige Vorstellungen von Einzelpersonen oder Gruppen in Verbindung mit einem Merkmal, ist ein wichtiger erster Lernschritt: gibt es innere Kategorien, mit denen wir bestimmte Verhaltensweisen oder Einstellungen verbunden haben? z.B. weil die Familie aus Anatolien stammt, weil die Familien aus Syrien stammt, weil eine Familie Hartz IV bezieht, in einer bestimmten Gegend wohnt, weil der Vater eine psychische Erkrankung hat, ist sie so und so. Solche einseitigen Annahmen oder Vorurteile verhindern manchmal, dass Familien in allem was sie ausmacht wahrgenommen werden und was allen gemeinsam wichtig ist, z.B. um die Kinder gut zu unterstützen.
  • Jede Familie hat eine eigene Familienkultur, die geprägt ist u.a.von ihren Familiensprachen, von den Ritualen, Traditionen, Alltagsroutinen, Vorlieben u.a. die für die Familie wichtig sind, von der Art wie sie ihre Religion lebt, falls sie eine hat, von dem Land, der Region, dem Ort in dem die Familie ihren Lebensmittelpunkt hat von ihren Erfahrungen usw. Und Familien sind immer mehr, viel mehr, als das Land oder die Region aus denen sie oder ihre Vorfahren eingewandert sind.
  • Familien erleben oft Diskriminierung, die in Zusammenhang steht mit dem Land aus dem sie oder ihre Vorfahren eingewandert sind, ihren Erstsprachen, ihrem (zugeschriebenen) Bildungsstand, ihrem (zugeschriebenen) sozialen Status, ihrer (zugeschriebenen) Religionszugehörigkeit usw.
  • Die Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung prägen Familien und können einen Einfluß darauf haben, wie sie sich selber wahrnehmen und ihre Möglichkeiten definieren.
  • Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht zu haben, ist etwas was viele Familien verbindet.
  • Familien sollte niemals nahegelegt werden, „erfolgreiche Einwanderung“ sei mit dem Aufgeben von allem verbunden, das sie mit ihrem Herkunftsland (-ländern) verbinden. Die Vorstellung, dass Integration im Einwanderungsland nur dann gelingen kann, wenn die eingewanderten Menschen aufgeben wer sie sind, ist einseitig und abwertend. Denn auch hier steckt die Vorstellung, die Spivak beschreibt (s. Fußnote Nr. 9) - die aufnehmende Gesellschaft ist die bessere mit den besseren (oder fortschrittlicheren) Qualitäten und Merkmalen und erst mit Übernahme dieser Qualitäten (die häufig umkonkret und diffus sind und von den Individuen der Aufnahmegesellschaft selber nicht gelebt werden) seien die eingewanderten Menschen „erfolgreich“ angekommen.
  • Familien brauchen Informationen über die Gesellschaft(en) in die sie eingewandert sind, um sich erfolgreich orientieren zu können. Sie brauchen Informationen über Gepflogenheiten, Werte, Umgangsformen, Erwartungen in einer Form, die Ihnen erlaubt einen Zugang, ein Verstehen zu entwickeln, ohne ihrerseits stereotype oder einseitige Vorstellungen zu entwickeln, die den Kontakt und den Aufbau eines neuen Lebensmittelpunktes erschweren.

Empowerment in Bildungsinstitutionen

  • Die Anerkennung der vielfältigen Familienkulturen kann Familien das Ankommen im Einwanderungsland erleichtern
  • Das nicht-reduzieren auf die Einwanderungsgeschichte, macht es einfacher die Anliegen und Vorstellungen der Familien zu verstehen.
  • Einseitige Annahmen und Vorurteile über Familien*Eltern zu erkennen und abzubauen, ist die Voraussetzung, um Familien*Eltern erfolgreich zu unterstützen: „Nachfragen hat Vorrang!“ Das bedeutet aber nicht die Familien auszufragen, sondern bevor wir annehmen eine Familie sei so und so weil sie aus xy Land kommt oder in bestimmten materiellen Verhältnissen lebt, lieber nachfragen, wie die Familien ihren Alltag lebt und was ihnen wichtig ist.
  • Familien*Eltern haben Wünsche und Vorstellungen, die gehört werden müssen und die einfließen in die Gestaltung von Angeboten. Wenn Familien*Eltern erleben, dass ihre Erfahrungen, Wünsche und Vorstellungen anerkannt und einbezogen werden, steigert dies Vertrauen und Kooperation.
  • Familien*Eltern brauchen „Räume“, in denen sie sich miteinander austauschen und vernetzen können.
  • Wenn Familien*Eltern erleben, dass ihre Erfahrungen, Wünsche und Vorstellungen anerkannt und einbezogen werden, steigert dies Vertrauen und Kooperation.

Empowerment - Anmerkungen:

  • Empowerment beschreibt alles, was zur (Selbst)Stärkung von Individuen und/oder Gruppen beitragen kann, die über ein Merkmal Diskriminierung erleben und denen mit Verweis auf dieses Merkmal der Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen erschwert oder verweigert wird.
  • Empowerment findet da statt, wo sich Menschen zusammentun, um sich gemeinsam für ihre Interessen einzusetzen - auf lokaler, kommunaler und überregionaler Ebene.
  • Familien, in denen Einwanderung Teil der Familiengeschichte ist, erleben Diskriminierung häufig über ihre (zugeschriebene) Herkunft, die Erstsprachen der Familien, ihren Hautton, ihren materiellen Status, ihre soziale Klasse, ihre (zugeschriebene) Religion.
  • Kontinuierlich erlebte Diskriminierung, die sich auch in sogenannten Mikroaggressionen zeigt, kann sich nachteilig auf die Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden auswirken. Als Mikroaggressionen bezeichnet man die vielen kleinen Signale im Alltag, mit denen Nicht-Zugehörigkeit gekennzeichnet wird. Z.B. einer Frau, die ein Kopftuch trägt, wird laut und nachdrücklich gesagt „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ Die sprechende Person hat die (dominante und von der weißen Mehrheitsgesellschaft als NORMal empfundene) einseitige Vorstellung, dass Frauen, die ein Kopftuch tragen, nicht gut Deutsch sprechen, nicht gebildet sind usw. Mikroaggressionen können unterschiedliche Ausprägungen haben und sind manchmal schwerer festzumachen, außer dass die Betroffenen ein unangenehmes Gefühl aus der Begegnung mitnehmen.
  • Dass wir Reaktionen zeigen oder äußern, die sich als Mikroaggressionen einordnen lassen, braucht einiges an Selbsterforschung, Mut und Übung, denn unsere Reaktionsweisen sind tief in unserem Bild von uns und anderen verankert. Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit, um zu schauen, was sie über sich wissen. Wann reagieren Sie eher ablehnend auf Familien? Was sind das für Merkmale oder Verhaltensweisen auf die Sie reagieren? Zum Beispiel, wenn eine Familie einen großen, neuen Fernseher hat, aber kein Geld um mit der Familie schwimmen zu gehen? Welches (Vor-)Urteil haben Sie über die Familie? Können Sie merken, dass Sie ihre Werte (oder gesellschaftliche Werte, die sie verinnerlicht haben) nutzen, um die Familie als richtig oder falsch einzuordnen? Wie könnten solche Reaktionen den Kontakt zu den Familien erschweren? Wie könnten solche Einschätzungen Ihre Wahrnehmung der Kompetenzen der Familie beeinflussen?
  • Familien erleben strukturelle Diskriminierung; in dem ihnen der Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, wie z.B. sichere Wohnungen und Wohnorte, Arbeit, Ausbildung, Bildung verwehrt werden oder nur beschränkt oder unter von Ihnen nicht gewählten Bedingungen, gewährt wird.
  • Auch hier sind die Personen gefordert, die Angebote für Familien machen, denn die Wahrnehmung von struktureller Diskriminierung braucht Übung. Häufiger erleben diejenigen, die strukturelle Diskriminierung erfahren, dass ihre Umwelt in ihnen den*die Schuldigen sieht: „Sie müssen sich nur genügend anstrengen.“ „Wer arbeiten will, der findet auch was.“ „Mit dem Einkommen, finden Sie eben nicht so leicht eine Wohnung, Sie müssen Ausdauer haben. Das hat nichts mit ihrem Namen oder ihrem Akzent zu tun.“ Diese Aussagen sind weder falsch noch richtig und manchmal muss man sich ja auch anstrengen, und eine Wohnung findet sich wirklich nicht leicht genauso wie eine gute Arbeitsstelle. Aber die gesellschaftliche Schieflage auszublenden (Mangel an bezahlbaren Wohnungen in einer guten Qualität, Arbeitsplätze mit schlechter Bezahlung und schlechten Bedingungen, gehäufte Ablehnung aufgrund des Namens, schlechtere Chancen von guten Bildungsabschlüssen aufgrund von bestimmten Merkmalen, wie zugeschriebener Herkunft, Religion, körperlicher oder geistiger Fähigkeiten) lastet den Individuen oft übermäßig viel Verantwortung auf und führt zu weiteren Überforderungen und Rückzügen. Welche Formen von struktureller Diskriminierung (er)kennen sie? Was kann man tun, um diese zu überwinden? An wen kann man sich wenden? Was brauchen Betroffene (sicher nicht noch mehr Vorhaltungen oder?)?
  • Familien brauchen die Bestätigung, dass ihre Diskriminierungserfahrungen real sind und dass es nicht in Ordnung ist, dass sie so etwas erleben müssen. Familien brauchen Zugang zu Beratungsstellen, die sie kompetent unterstützen können, wenn sie Diskriminierung erleben.
  • Dies ist Teil einer Unterstützung, die „Empowerment“ genannt wird. Empowerment bedeutet aber auch, insbesondere die Familien zu stärken.
  • Für Familien*Eltern, die in die Bundesrepublik eingewandert sind, kann es bedeuten, dass sie erinnert werden an die Stärkung durch Rituale, Traditionen, Lieder, Geschichten, Feste, die in ihrer Familie eine wichtige Rolle gespielt haben und vielleicht bewusster und wichtiger in der Diaspora werden. Diese Stärkung ist wie eine Brücke in das neue Land, in dem die Familie ihren Lebensmittelpunkt aufbaut.
  • Empowerment heißt auch, die Fragen der Familien zu ihren Beobachtungen in der eingewanderten Gesellschaft mit ihnen zu besprechen, und das ohne wiederum in Verallgemeinerungen zu rutschen „Die Deutschen sind so…“ Eine solche Diskussion beruht eher auf den Beobachtungen und den Fragen, die sich daraus ergeben: Ich habe gesehen, dass…. das kenne ich so nicht…usw.“
  • Empowerment heißt auch, „Räume“ zu schaffen, in denen sich Familien*Eltern treffen können, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Diese „Räume“ sollten den Familien*Eltern „gehören“ und sichere Räume sein, in denen jede Person sein kann, wie er*sie ist. . Das heißt, Themen und Anliegen an „Eingewanderte“ von Menschen, die der Mehrheitsgesellschaft angehören, oder Anliegen der Mehrheitsgesellschaft vertreten, haben hier keinen Platz.
  • Empowerment heißt u.a. Angebote zu machen, in denen die Kompetenzen der Familien*Eltern im Mittelpunkt stehen.
  • Empowerment heißt Angebote zu machen, in denen Familien*Eltern darüber reflektieren und über mögliche Aktivitäten entscheiden, was sie brauchen, um sich wohlzufühlen, zu orientieren und sicher zu sein.
  • Empowerment heißt Angebote zu machen, in denen Familien*Eltern darüber sprechen können, welche neuen Impulse der Einwanderungsgesellschaft sie in ihre Familienkulturen aufnehmen würden, was sie dabei verunsichert und/oder schwerfällt. Der Austausch der Familien untereinander, wie Veränderungen möglich sind und welche Wege hierbei geholfen haben, ist stärkend.
  • Empowerment heißt Angebote mit den Familien*Eltern zu planen und durchzuführen, in denen sie ihr Wissen und Erfahrungen z.B. mit dem Bildungssystem, Sozialsystemen, Arbeitssystemen mit anderen teilen, Lücken aufdecken und gemeinsam Informationen sammeln.
  • Empowerment heißt für diejenigen, die Familien*Eltern unterstützen wollen, dass sie einen Schritt zurücktreten und den Eltern/Familien die „Räume“ überlassen.
  • Empowerment kann nur dann erfolgreich sein, wenn Respekt und Gleichwürdigkeit die Grundlage für alle Aktivitäten sind.
  • Angebote, die darauf zielen, dass Familien*Eltern sich der Dominanzgesellschaft anpassen oder angleichen, haben mit Empowerment nichts zu tun.

Empowerment - Perspektiven

Empowerment als zentrales Element zur Stärkung von Familien*Eltern erfordert von denjenigen, die Familien in dieser Form unterstützen wollen, einiges. Um Verbündete zu sein, die Familien*Eltern darin unterstützen, sich selbstbestimmt und in Eigenverantwortung für Ihre Interessen, Bedürfnisse und Belange einzusetzen, braucht es Selbstklärung und -orientierung auf Seiten der Unterstützer*innen und in einigen eine kritische Betrachtung der eignen Macht und Privilegien und wie diese genutzt werden können, um Deprivilegierung abzubauen.

Es ist wichtig zu unterscheiden, wo Bildungs- und Informationsangebote gemacht werden, damit Familien*Eltern sich besser anpassen und wo Bildungs- und Informationsangebote auf Wunsch von Familien*Eltern gemacht werden, damit diese für die Gestaltung ihrer Lebensentwürfe die notwendige Unterstützung bekommen. Dabei kennzeichnet diesen Zugang die Hinwendung zu einer stärken- und ressourcenorientierten Zusammenarbeit, im Gegensatz zu einer defizitorientierten Arbeit für Familien.

Defizit-Orientierung heißt oft, dass die beruflich helfende Unterstützung den Charakter einer „Fürsorgepädagogik“ entwickelt, „die die Betroffenen in beratende und therapeutische Vollversorgungspakete einpackt, sie zugleich aber auf Dauer von Fremdhilfe abhängig macht und verbleibende Ressourcen von Eigenmächtigkeit entwertet.“ (https://www.empowerment.de/grundlagen/ aufgerufen am 10.5.20) Dies soll nicht ausblenden, dass manche Familien sich tatsächlich in solch schwierigen emotional-sozial-ökonomischen Lebenslagen befinden, so dass im Idealfall eine Rundumbetreuung notwendig wäre, bis die Familiensituation und das Familiensystem wieder stabiler sind. Es soll vielmehr auf disempowernde Strukturen aufmerksam machen, in denen Familien zum Objekt der Hilfsmaßnahmen werden, statt handelnde Akteure, eben im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten.

Dies verweist auf einen weiteren wichtigen Aspekt in Angeboten die  auf Empowerment ausgerichtet sind: Jede Familie ist einzigartig in ihrem jeweiligen Kontext und den Bedürfnissen, die für ihr Wohlergehen wichtig sind. Und alle Familien sind gleich, in ihrem (Rechts-)Anspruch auf den Zugang zu Sicherheit, Bildung, Wohnen, Arbeit und Diskriminierungsfreiheit.

„Das Empowerment-Konzept basiert auf normativ-ethischen Grundüberzeugungen, in denen sich die Achtung vor der Autonomie der Lebenspraxis der Klienten, ein engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit und für den Abbau von Strukturen sozialer Ungleichheit sowie die Orientierung an einer Stärkung von (basis-)demokratischen Partizipationsrechten miteinander verbinden.“

(https://www.empowerment.de/grundlagen/ aufgerufen am 10.5.20)

 

Empowerment für z.B. eingewanderte Familien bedeutet Anerkennung und Wertschätzung der Erfahrungen der Familien; Neugier, Offenheit und Interesse in der Begegnung und im Kontakt; Anerkennung der Diskriminierungserfahrungen und der beschädigenden und traumatisierenden Effekte und die Bereitschaft auf Augenhöhe in den Dialog zu gehen, da wo unterschiedliche Werte und Alltagshandlungen zu Reibungen und Konflikten im Umgang miteinander führen.

„Es braucht Community und Solidarität und das Erkennen wie es den anderen von Rassismus Betroffenen geht. … das Opfer wird zur Gefahr für das System, wenn es die Diskriminierung erkennt und benennt.“

Ozan Zakariya Keskinkılıç – Sexualität und Gender im antimuslimischen Rassismus

5.5.2020

Ringvorlesung der Universität Frankfurt Oder

Zur weiteren Vertiefung empfohlen:

https://www.empowerment.de/grundlagen/

https://www.verband-binationaler.de

https://kinderwelten.net

https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/doc/perspektivwechsel-empowerment-2016_web.pdf

 

Empowerment und Powersharing: Ankerpunkte – Positionierungen – Arenen (Diversität in der Sozialen Arbeit) – 8. April 2020

von Birgit Jagusch (Herausgeber), Yasmine Chehata (Herausgeber)

 

Handbuch Inklusion: Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung – 20. Februar 2017

von Petra Wagner (Herausgeber)

 

Spurensicherung: Reflexion von Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft – 15. September 2009

von Gabi Elverich (Herausgeber), Annita Kalpaka (Herausgeber), Karin Reindlmeier (Herausgeber)

 

Eure Heimat ist unser Albtraum: Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Olga Grjasnowa, Margarete Stokowski uvm. – 22. Februar 2019

von Fatma Aydemir (Autor), Hengameh Yaghoobifarah (Autor)

 

exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen – 1. Januar 2019

von Tupoka Ogette (Autor)

 

 

Definitionen

Empowerment:

Mit Empowerment (das in vielen Sprachen, mangels einer angemessenen Übersetzung als englisches Wort genutzt wird) bezeichnet man Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften erhöhen sollen und es ihnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihr Gefühl der Macht- und Einflusslosigkeit (powerlessness) zu überwinden und ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen."

https://de.wikipedia.org/wiki/Empowerment aufgerufen am 6.3.2020

Die Ursprünge des  Begriffs Empowerment reichen zurück bis ins 17. Jahrhundert zu William Penn, der Quäker war und in seiner Schrift „Theologie des individuellen Empowerment“ den Begriff prägte. Die Quäker gehen davon aus, dass ein Teil von Gott in jedem Menschen lebendig ist. Dies wird mit dem Begriff „inner spirit“ (inneres Licht) bezeichnet. Hierdurch besitzt jeder Mensch eine unveräußerbare Würde, besitzt die Freiheit des Gewissens und ist als Mensch, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Hautton freier Teil einer freien Gesellschaft.

 

Empowerment wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erneut bedeutsam in 3 Bewegungen, die in den USA verortet sind:

die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen US-Amerikaner in den 1950er Jahren

die US-Amerikanischen Frauenbewegung in den 1960er Jahren und

die Gründung der Independent-Living-Bewegung behinderter Menschen ebenfalls in den 1960er Jahren.

Von hier aus wurde das Empowermentkonzept auf weitere Bereiche der Gesellschaft ausgeweitet. Es fand besonders Anwendung bei den Teilen der Gesellschaft, die bevormundet, unterdrückt und diskriminiert wurden und werden). Die Folgen dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzungen waren persönliche Emanzipationsprozesse auf der einen Seite und politische Neuerungen (oft in Form von Gesetzen oder Organisationsänderungen) auf der anderen Seite. Empowerment-Prozesse haben also stets eine persönlich-politische Doppel-Wirkung.

 

In den 1980er Jahren prägte der  Sozialwissenschaftler Julian Rappaport  die Übernahme eines Empowerment Konzepts für die Sozialarbeit. Er plädierte für ein Modell des „Empowerment“, das davon ausgeht, dass viele Fähigkeiten bei den Menschen bereits vorhanden sind und dass die angeblichen Defizite Ergebnis sozialer Strukturen und mangelnder Ressourcen sind.

 

Zusammengefaßt und leicht überarbeitet aus:

http://www.lebensnerv.de/index.php/projekte/empowerment/begriffsannaeherung

 

Diskriminierung:

Diskriminierung bedeutet Ungleichbehandlung, Abwertung und Benachteiligung von Menschen. Diskriminierung trifft Menschen aufgrund (zugeschriebener) Merkmale und/oder der Zugehörigkeit zu vermeintlichen sozialen Gruppen. Merkmale können sein: Hautton, Herkunft, Aufenthaltsstatus, Sprache, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion, Alter, Behinderung, Aussehen, sozialer Status und weitere.

Diskriminierung kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden: zwischen Menschen, in/durch Institutionen und auf gesellschaftlicher Ebene.

Individuelle Ebene: eine Person handelt aus eigenen diskriminierenden Beweggründen.

Institutionelle Ebene: Diskriminierung als Ergebnis des Handelns einer Organisation (Gesetze, Verordnungen, Handlungsweisungen, institutionelle Routinen oder Unternehmenskultur).

Gesellschaftliche Ebene: Vorstellungen, Bilder, Vorurteile, Stereotypen, tradierte Geschichten, die definieren, was in der Gesellschaft als „normal“, „besonders“ oder „erklärungsbedürftig“ gilt.

 

Die Häufigkeit und Intensität, mit der Menschen von Diskriminierung betroffen sind, sind sehr unterschiedlich und haben somit sehr unterschiedlich weitreichende Konsequenzen in der Lebensrealität von Menschen. Diskriminierung geschieht zumeist nicht bezogen auf ein Merkmal, sondern durch die Kombination von mehreren Merkmalen (Mehrfachdiskriminierung).

Diskriminierung kann eine absichtsvolle Schlechterbehandlung sein. Oft passiert Diskriminierung auch ohne Absicht, quasi „aus Versehen“, aus Unachtsamkeit, Nicht-Wissen oder Ignoranz. Für Betroffene spielt jedoch die Absicht keine Rolle, die Verletzung wirkt unabhängig von der Absicht.

Quelle: http://www.antidiskriminierung-stuttgart.de/definition-diskriminierung/  aufgerufen am 22.4.2020

 

Intersektionalität

„Nehmen wir als Beispiel eine Straßenkreuzung, an der der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt. Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehreren Richtungen verlaufen. Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Verkehr aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal gar von Verkehr aus allen Richtungen gleichzeitig. Ähnliches gilt für eine Schwarze Frau, die an einer „Kreuzung“ verletzt wird; die Ursache könnte sowohl sexistische als auch rassistische Diskriminierung sein.“

Kimberlé Crenshaw

 

Die von Kimberlé Crenshaw gewählte Metapher der Straßenkreuzung hat mindestens vier Bedeutungsebenen:

  1. die Überschneidung (Kreuzung) von Rassismus und Sexismus als Diskriminierungsprozesse und strukturelle Unterdrückungssysteme
  2. die Positionierung von Schwarzen Frauen sowie anderen marginalisierten und mehrfach diskriminierten Gruppen an diesem Kreuzungspunkt
  3. die Positionierung in der Mitte einer Kreuzung erhöht das Risiko, in einen Unfall verwickelt zu werden. Intersektionalität adressiert damit auch die besonderen Verletzungsrisiken von Schwarzen Frauen und anderen marginalisierten Gruppen, aus der sich eine spezifische Schutzbedürftigkeit ergibt.
  4. Es gibt nicht nur eine Ursache für einen etwaigen Unfall. Entsprechend ist keine eindeutige Schuldzuweisung oder Schuldfeststellung möglich.

https://www.gwi-boell.de/de/intersektionalitaet zuletzt aufgerufen am 24.5.21

Mikroaggression:

Mikroaggression (englisch microaggression) ist ein sozialpsychologischer Begriff, der 1970 von Chester Pierce geprägt wurde, um winzige, als übergriffig wahrgenommene Äußerungen in der alltäglichen Kommunikation zu beschreiben. Darunter werden kurze, alltägliche Äußerungen (und Interaktionen im weitesten Sinne) verstanden, die an die andere Person abwertende Botschaften senden, welche sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mikroaggression  aufgerufen am 22.4.2020

 

Zum Beispiel das Überhören von Vorschlägen von Frauen oder dass Frauen erleben, dass der eigene Vorschlag kritisiert wird während derselbe Vorschlag eines männlichen Kollegen angenommen wird.

Mikroaggressionen beschreiben alle Ausdrucksformen, mit denen Angehörige von dominanten Gruppen, ihre (Normalitäts-)Vorstellungen im Alltagshandeln zum Ausdruck bringen, ohne sich der Abwertungen bewusst sein zu müssen, die darin enthalten sind.

 

Stigmatisierung

Die Verallgemeinerung von Gruppen („die Araber*innen”, ,,die Chines*innen” etc.), mit der Verbindungen von meist negativen Eigenschaften und Merkmalen einhergehen, wie „aggressiv”, ,,gehorsam” etc. Personen werden somit durch ihre (vermeintliche) Gruppenzugehörigkeit negativ charakterisiert. Die Verbindung von vermeintlichen Gruppen und Eigenschaften kann auch positiv gemeint sein, wie z.B. zu sagen, dass jemand gut tanzen kann, weil er/sie „Südländer*in” ist. Diese Form von Kompliment funktioniert in einer rassistischen Logik und ist deswegen auch diskriminierend. Stigmatisierung ist ein Prozess, der sehr oft Bestandteil von Diskriminierung und Rassismus ist.

http://www.i-paed-berlin.de/de/Glossar/#stigmatisierung  aufgerufen am 20.4.2020

Norm

Eine Norm ist das, was in der Gesellschaft als selbstverständlich empfunden wird. Wegen dieser Selbstverständlichkeit verspüren wir oft nicht die Notwendigkeit, sie zu benennen, sondern reden eher von den „Abweichungen” der Normen. So wird eher benannt, wenn jemand Schwarz ist, als dass jemand weiß ist, weil weiß als Norm gesetzt ist. Es wird öfter Homosexualität benannt, als Heterosexualität, weil diese als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird.

Normen prägen unsere gesamte Umgebung. Sie treten in Verhaltensmustern und Erwartungen auf, die von außen auferlegt und ständig reproduziert werden. Sie beeinflussen Architektur, indem normierte Häuser für Menschen ohne Behinderung gebaut werden. Sie machen es möglich, dass in Medien Weiß-Sein nicht benannt werden muss. Alles ist darauf ausgerichtet, dieser konstruierten Norm zu entsprechen und sie zu repräsentieren, obwohl diese nicht die Realität der Gesellschaft darstellt. Für viele Menschen ist es eine schmerzhafte Erfahrung die Gesellschaft nicht nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet zu wissen. Ihr Leben wird zusätzlich erschwert.

http://www.i-paed-berlin.de/de/Glossar/#norm  aufgerufen am 20.4.2020

Hautton

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zum Hautton, als einem wichtigen Bestandteil von Rassismus. In der rassistischen Logik funktioniert Hautton als Projektionsfläche für rassistische Vorstellungen. Das bedeutet, dass der Hautton einer Person zu einem Marker wird, der festlegt, ob betreffende Person über mehr, weniger oder gar keine Privilegien in Bezug auf Rassismus verfügt. Die rassistische Logik benutzt seit Beginn der europäischen Kolonialzeit Hautton als Merkmal, um Menschen zu ‚klassifizieren‘ und Ihnen vermeintliche Eigenschaften zu- bzw. abzusprechen. Diese Unterschiede sind konstruiert, das heißt sie entsprechen in diesem Fall nicht der Wahrheit, sondern dienen der Aufrechterhaltung eines rassistischen Systems. Denn nur so konnte und kann die Ausbeutung, Misshandlung und Ermordung von Menschen im Kolonialismus gerechtfertigt werden. Für viele Menschen ist es anfänglich schwer zu verstehen, dass es in der rassistischen Ideologie nicht um Hauttöne im eigentlichen Sinne geht. Betrachten wir jedoch, die Entwicklung von weiß-Sein, wird schnell klar, dass Menschen die heute als weiß gelten dies nicht immer taten. Beispielsweise forderten Hafenarbeiter im New York des 19. Jahrhunderts, ihr Viertel solle weiß bleiben und damit meinten sie neben z.B. Afro-Amerikaner*innen „keine Ir*innen” und „keine Deutschen”.

http://www.i-paed-berlin.de/de/Glossar/#hautfarbe  aufgerufen am 20.4.2020

Im Originaltext wird der Begriff Hautfarbe verwendet. Inzwischen verbinde ich mich besser damit, dass es eine Hautfarbe gibt, die in Variationen vorkommt, also „Töne“ dieser einen Farbe, denn die Pigmente bestimmen die Intensität des Tons.

 

PoC

Abkürzung für Person/People of color; ist die Selbstbezeichnung von Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Die Bezeichnung ist in der Bürgerrechtsbewegung in den USA entstanden und zielt darauf ab, die unterschiedlichen Gruppen, die Rassismus erfahren, zu vereinen, um so Kräfte zu bündeln und gemeinsam gegen Rassismus zu kämpfen.

http://www.i-paed-berlin.de/de/Glossar/#poc  aufgerufen am 20.4.2020

 

Schwarz

Ist die korrekte Bezeichnung für Schwarze Menschen, die afrikanische bzw. afrodiasporale Bezüge haben. Afrodiasporal bedeutet, dass Menschen in ihrer Geschichte verwandtschaftliche Bezüge zum afrikanischen Kontinent haben. Um den Widerstandscharakter dieses Wortes zu betonen, wird das „S” großgeschrieben. Im Deutschen Kontext existiert auch die Bezeichnung Afrodeutsche*r.

http://www.i-paed-berlin.de/de/Glossar/#schwarz aufgerufen am 20.4.2020

 

weiß

Im Gegensatz zu den Bezeichnungen Schwarz und PoC ist weiß keine Selbstpositionierung, sondern die Beschreibung einer Realität. Weiß-Sein bedeutet, Privilegien und Macht zu besitzen, wie zum Beispiel das Privileg, sich nicht mit Rassismus auseinanderzusetzen zu müssen. Weiße Menschen haben in Bezug aufs Weiß-Sein leichtere Zugänge zum Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, zu Gesundheitsversorgung und politischer Teilnahme als PoC und Schwarze Menschen. Natürlich gibt es andere Ausschlusskriterien, wie z. B. Klassenzugehörigkeit, die diese Zugänge auch bei weißen Menschen verhindern können. Deutlich wird es z. B., wenn sich Familie Müller und Familie Yilmaz beide für eine Altbauwohnung in Charlottenburg bewerben. Wir können davon ausgehen, dass beide Familien sich die Wohnung leisten können, jedoch Vermieter*innen oft Namen bevorzugen, die als 'deutscher' wahrgenommen werden. Weiß-Sein wird als Norm etabliert und als solche nie benannt. Dabei geht es nicht um Hauttöne, sondern politische Begriffe, die den Zugang zu Macht beschreiben.

http://www.i-paed-berlin.de/de/Glossar/#wei  aufgerufen am 20.4.2020

 

Dominanzgesellschaft/-kultur

Die Begriffe „Dominanzgesellschaft“ oder „Dominanzkultur“ umfassen all das, was in einer Gesellschaft als „normal“ verstanden und damit als Norm gesetzt wird. Dazu zählen zum Beispiel die Merkmale weiß, körperlich uneingeschränkt, christlich, heterosexuell, über ein ausreichendes Einkommen verfügend und noch immer männlich. Menschen, die diesen Normen entsprechen, verfügen über (für sie selbst häufig unsichtbare) Privilegien und damit über Macht innerhalb der Gesellschaft. Menschen, die den Normen nicht entsprechen, werden gesellschaftlich benachteiligt. Dominanz und Machtpositionen werden durch Regelungen und Gesetze aufrechterhalten (zum Beispiel Staatsbürgerschaftsrecht, Wahlrecht).

ISTA Institut für den Situationsansatz / Fachstelle Kinderwelten (Hrsg.) (2018): Inklusion in der Fortbildungspraxis - Ein Methodenhandbuch (Band 6). Berlin: WAmiKi

 

Familie

Mit dem Begriff Familie sind alle Gemeinschaften umfasst, in denen Menschen miteinander in Beziehung stehen und Verantwortung füreinander übernehmen. Familienformen sind sehr vielfältig; es gibt beispielsweise Familien mit ein, zwei oder mehr Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen, Familien ohne Kinder, Kinder mit mehreren Familien, Kinder, die nicht bei ihren Familien aufwachsen. Sie variieren zudem nach Anzahl und Anwesenheit der Familienmitglieder, nach Alter, sexueller Identität, Rollenverständnissen, Religion, Sprachen und vielem mehr. Gesellschaftliche Anerkennung und rechtlicher Status sind nicht für alle Familien gleich. Normative Annahmen im Zusammenhang mit Familie werden mit dem Begriff „Familismus“ bezeichnet (vgl. Notz 2015).

ISTA Institut für den Situationsansatz / Fachstelle Kinderwelten (Hrsg.) (2018): Inklusion in der Fortbildungspraxis - Ein Methodenhandbuch (Band 6). Berlin: WAmiKi

 

Familienkultur

Der Begriff Familienkultur steht für das jeweils einzigartige Mosaik aus Gewohnheiten, Perspektiven, Wertvorstellungen, Deutungsmustern, Gepflogenheiten und Traditionen einer Familie, in das ihre Erfahrungen mit geografischer Herkunft, Ortswechsel, Sprache, Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung, Religion, körperlicher, geistiger und seelischer Verfasstheit, finanziellem Status, Diskriminierung, Privilegierung und vielem anderen einfließen.

ISTA Institut für den Situationsansatz / Fachstelle Kinderwelten (Hrsg.) (2018): Inklusion in der Fortbildungspraxis - Ein Methodenhandbuch (Band 6). Berlin: WAmiKi

 

[1] mensch ersetzt in diesem Text  (außer in zitierten Passagen) „man“. „Man“ kommt von dem Substantiv „Mann“. Ich will mit der Verwendung von mensch eine geschlechtergerechtere Sprache sichtbar machen.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Empowerment aufgerufen am 6.3.2020

[3] Wikipedia wird von manchen Lesenden und Schreibenden als verlässliche Quelle in Frage gestellt. Dies ist durchaus legitim, genauso wie mensch die Verlässlichkeit anderer Autor*innen und Nachschlagewerke anzweifeln kann und sollte, denn es handelt sich immer, um die subjektive Darstellung/Erläuterung eines Themas aus einer bestimmten Perspektive und einem bestimmten Kontext. Keine einzelne Autor*in hat allerdings, so viele kritische Gegenleser*innen wie dies im „System Wikipedia“ der Fall ist. Und natürlich ist es immer sinnvoll und bereichernd weitere Quellen hinzuziehen. Dies bleibt Ihnen als Lesende immer offen und ist sogar zu empfehlen.

[4] Zitiert, zusammengefaßt und leicht überarbeitet aus:

http://www.lebensnerv.de/index.php/projekte/empowerment/begriffsannaeherung (zuletzt aufgerufen am 31.1.2021)

[5] „zugeschrieben“ beschreibt die Praxis dominanter/privilegierter Gruppen einer Person/einer Gruppe aufgrund eines Merkmals bestimmten Bezugsgruppen zuzuordnen einschließlich aller (ab)wertenden Eigenschaften. Z.B. wird ein Mensch mit einem dunkleren Hautton und einer dunkleren Haarfarbe von weißen oft der Religion Islam zugeordnet, ohne dass es dafür irgendwelche Hinweise gibt oder nachgefragt wird.

[6] Hier braucht es wenn auch nur kurz, weil anderswo ausführlicher zu finden, den Hinweis, dass Rassismuserfahrungen von Familien oder einzelne Mitglieder von Familien, aufgrund der ihnen zugeschriebenen Herkunft, nicht eine beliebige Herkunft meint, sondern auf der Hierarchisierung möglicher Herkunftsländer beruht: so wird die (zugeschriebene) Herkunft USA (meist für weiße US-Amerikaner*innen)  nicht  so prekär für Familien, wie die (zugeschriebene)Herkunft Türkei, Syrien, Iraq, Nigeria usw. Länder, also denen von die weißen Deutschen Gesellschaft (dies ist eine Verallgemeinerung, aber es geht um die Beschreibung eines Systems) eine zu große Distanz zu eigenen Vorstellungen von NORMalität gelernt hat zu sehen. Sie markiert in diesem Verständnis Familien als „anders“ oder sogar „zu anders“ und begründet damit gleichzeitig deren Ungleichbehandlung.

[7] wenn mehrere Diskriminierungsformen die Möglichkeiten eines Menschen sein:ihr Leben zu gestalten zusätzlich erschweren, sprechen wir von Intersektionalität (Erläuterung unter „Definitionen“)

[8] s. auch die Übung die in der Methodenbox der Anti-Bias-Werkstatt.de zu finden ist: http://docplayer.org/40604856-Funktionen-von-vorurteilen.html

[9] s. Gayatri Spivak, die den Begriff „othering“/beandern geprägt hat, um sichtbar zu machen https://de.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Chakravorty_Spivak aufgerufen am 7.6.21

Othering beschreibt den Prozess, sich selbst und sein soziales Image hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, „fremd“ klassifiziert bzw. stereotypisiert. Es findet also eine betonte Unterscheidung und Distanzierung von „den Anderen“ statt, sei es wegen des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Religions­zugehörigkeit, der ethnischen Zugehörigkeit, der Nationalität, der sozialen Stellung innerhalb einer Gesellschaft, wie z. B. der Klassenzugehörigkeit, der Ideologie oder auch vermeintlicher biologischer Unterscheidungskriterien zwischen Menschen (vgl. Rassismus).

Othering bedeutet also, sich mit anderen zu vergleichen, sich von ihnen abzuheben und zu distanzieren, wobei die Vorstellung existiert, dass Menschen und Gesellschaften sich durch deren Lebensform, Kultur oder andere Merkmale von der eigenen sozialen Gruppe erheblich unterscheiden ((in Form von „weniger als“/„schlechter als“ die eigene Gruppe.)) https://de.wikipedia.org/wiki/Othering aufgerufen am 7.6.21